15.12.2025
„Gemeinsam geht vieles“ - Im Gespräch mit Georg Leimstädtner, der den Dachverband in den letzten 25 Jahren maßgeblich geprägt hat
Dachverband für Soziales und GesundheitFür ein Vierteljahrhundert war er ein stets verlässlicher und kompetenter Ansprechpartner für die Mitgliedsorganisationen, die öffentliche Verwaltung und die vielen anderen Akteur/innen im Netzwerk. Am Donnerstag, 4. Dezember hat er nun in Bozen zusammen mit dem Who-Is-Who des Südtiroler Sozialwesens seinen bevorstehenden Pensionsantritt gefeiert (hier geht's zur Bildergalerie). Dabei ließ der Jubilar wichtige Stationen seiner 25 Jahre als Geschäftsführer des Dachverbandes Revue passieren und erinnerte an herausragende Initiativen und Menschen. Landeshauptmann Arno Kompatscher lobte seine Beharrlichkeit und bedankte sich für das Geleistete. Roberta Rigamonti, Wolfgang Obwexer, Martha Stocker, Karl Tragust und Bruno Marcato würdigten in ihren Festreden was ihn ausmacht: Weitsicht, Ernsthaftigkeit, Tiefgang, Einfachheit und Herz.
Georg, vor 25 Jahren wurdest du Geschäftsführer im Dachverband, der damals noch Dachverband der Sozialverbände hieß. Wie ist es dazu gekommen?
Mitte der 1990er Jahre war ich Geschäftsführer beim Jugendring und hatte gehört, dass der Dachverband existiert. Aus Neugier habe ich mich einmal mit Arthur Obwexer, dem damaligen Präsidenten, zu einem informellen Austausch getroffen. Die Gründerzeit des Dachverbandes war wohl recht turbulent verlaufen, jedenfalls klang einiges, was er erzählte, nicht wirklich gut. Es wirkte auf mich eher abschreckend. In den nachfolgenden Jahren habe ich mich dann als Berater selbständig gemacht. Dann hat mich 1999 Gertrud Calenzani angerufen und gefragt, ob ich Interesse hätte als Geschäftsführer beim Dachverband anzufangen. Dem Ausschuss war mein Name angeraten worden. Das war natürlich schmeichelhaft und so habe ich meine Vorbehalte zurückgestellt, mich vorgestellt und gesagt, dass mich die Aufgabe reizen würde, den Dachverband von einem Netzwerk der Behindertenorganisationen zu einer umfassenden Dachorganisation der Sozialverbände zu entwickeln, die sich für andere Realitäten öffnet und eine starke soziale Stimme wird. Das ist gut angekommen und so hat alles begonnen.Du hattest also schon eine Vision für das, was sich entwickeln sollte. Aber hast du dir vorstellen können, von damals rund 20 Organisationen, auf heute 70 Mitglieder zu kommen?
Ja, ich habe das schon angepeilt, diese breite Vielfalt, denn schon beim Jugendring hatte ich ähnliche Entwicklungen mitgemacht. Vielleicht die Gesundheit hatte ich noch nicht so im Blick, aber das hat sich alles irgendwie selbstverständlich aneinandergereiht. Nach schwierigen Gründungsjahren war Ida Lardschneider Präsidentin geworden. Sie hatte sicher so für sich die Vorstellung: Entweder es wird jetzt etwas draus, oder wir lassen es bleiben. Der Ausschuss war anfangs rein eine Vertretung der verschiedenen Behindertenorganisationen. Aber sie hatten die Weitsicht, den Dachverband zu öffnen. Als erstes durch die Selbsthilfegruppen, die viele Themen abgedeckt haben. Das Tätigkeitsfeld wurde breiter und auch bei den Mitgliedsorganisationen wurde das Spektrum erweitert. Somit gab es eine Öffnung. Wir haben dann eine Skizze für ein Arbeitsprogramm gemacht. Eine Neuorganisation des Verbandes wurde in Angriff genommen und zusätzliche Aktivitäten aufgebaut: zur Beratung zum Abbau von architektonischen Barrieren kamen die Freiwilligenarbeit, dann die Anlaufstelle für Selbsthilfe und für die Vereine wurde ein Beratungsdienst für Organisations- und Verwaltungsfragen eingerichtet. Es war eine logische Entwicklung.Wenn du heute zurückblickst, was geht dir durch den Kopf?
Dass gemeinsam vieles geht. Sehr viele Menschen haben den Dachverband zu dem gemacht, was er heute ist, ihn begleitet und engagiert mitgestaltet: die vielen Ehrenamtlichen, die im Ausschuss oder Arbeitsgruppen mitgearbeitet haben, aber Dank gebührt auch alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ohne deren Enthusiasmus und Kreativität vieles nie zustande gekommen wäre und die dazu beigetragen haben, dass der Dachverband heute eine anerkannte und gut vernetzte Dachorganisation für das Soziale und die Gesundheit ist.Was waren wichtige Stationen, Entwicklungen, Initiativen in deiner Zeit an der Spitze?
Es war vor allem viel, was wir gemacht haben. Aber es war für mich stets eine äußerst wertvolle und bereichernde Arbeit. Wir wollten von Anfang an Synergien nutzen, denn durch die Zusammenarbeit und das Teilen von Ressourcen können alle voneinander profitieren. Das ist ein schöner Gedanke, es war jedoch in der Praxis nur in Teilen umzusetzen. Aber die Idee trägt sich bis heute! Das Paradebeispiel dafür ist das gemeinsame Haus für Soziales und Gesundheit, das nun in Bozen gebaut wird. Es ist die Konkretisierung von vielem, was wir angestoßen haben. Vor allem ist es jedoch gelungen, den Dachverband als gesellschaftliche Kraft zu etablieren. Wir sind heute als Sozialpartner eingebunden, reden und entscheiden mit. Wir bringen die Stimme und Expertise von Betroffenen ein. Darüber hinaus ist es gelungen, Zusammenhalt und Konsens zwischen den vielen sozialen Vereinigungen herzustellen. Alle bringen sich ein, die Meinungen sind vielfältig, aber letztlich kommt doch eine Einheit zustande, ohne gröbere Streitigkeiten. Wichtig ist, dass alle gemeinsam entscheiden, was „gut“ ist. Bedeutende Errungenschaften sind auch der Monitoringausschuss für Menschen mit Behinderungen, die Pflegesicherung, das Sicher-Spenden-Siegel, die Sachwalterschaft, das Zentrum für Sozialforschung oder nun das Armutsnetzwerk.Du bist eine Art Geburtshelfer, hast vieles mit ausgehandelt und mit auf den Weg gebracht. Konkret verwirklicht wird einiges erst jetzt, wo du in den Ruhestand trittst, etwa die Stiftung Dopo di noi, das Haus für Soziales…
Große Projekte brauchen Zeit sich zu entwickeln, das ist normal. Zugleich sehe ich schon die nächsten großen Baustellen, wo wir gerade erst am Anfang sind und es wieder viele Jahre brauchen wird: Eines ist der Wandel zum mündigen und eigenverantwortlichen Patienten im Gesundheitswesen. Das ist ein Lernprozess, wo ein großer Kulturwandel stattfinden muss. Ein weiterer Bereich ist das Thema Familie, wo wir ja den Dachverband in den letzten Jahren wiederum geöffnet haben. Ein weiteres, wenn nicht überhaupt das große Thema unserer Zeit ist die Zu- und Abwanderung, ebenso der Klimawandel. Gerade im Starten ist, was die Arbeitsbedingungen im Dritten Sektor betrifft. Hier ist noch viel zu erarbeiten, sprich Kollektivverträge, einheitliche Lohnsysteme. Das sind die nächsten großen „Häuser“, die aufzubauen sind.zurück



