04.05.2026
Südtiroler Armutsnetzwerk erstmals bei österreichischer Armutskonferenz
Dachverband für Soziales und GesundheitArmutsnetzwerk Südtirol
Das Südtiroler Armutsnetzwerk hat an der österreichischen Armutskonferenz in Salzburg teilgenommen. Die Tagung wird alle zwei Jahre organisiert und fand vom 27. bis 29. April zum 15. Mal statt. Sie stand heuer unter dem Titel „Selber schuld! Armut und die Leistungslüge“. Vertreten war das Südtiroler Armutsnetzwerk durch die Freie Universität Bozen (unibz), die Caritas Diözese Bozen-Brixen sowie durch die Koordinatorin des Armutsnetzwerks, Elisa Berger, vom Dachverband für Soziales und Gesundheit.
Die Konferenz brachte Menschen aus Wissenschaft, Sozialarbeit, Politik und Zivilgesellschaft zusammen. Im Mittelpunkt der Tagung standen aktuelle Fragen zur Armutsbekämpfung und zur Bedeutung von Leistung in unserer Gesellschaft. Die Veranstaltung war bewusst offen und partizipativ gestaltet. In Workshops und Diskussionsrunden kamen auch Menschen mit eigener Armutserfahrung zu Wort. Sie schilderten offen und selbstbewusst ihre Lebenssituationen und ihren Alltag und machten deutlich, dass Armut keine individuelle Schuld ist, sondern stark von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen abhängt. Den Hauptvortrag hielt die Historikerin Nina Verheyen. Die Privatdozentin für Neuere Geschichte und Vertretungsprofessorin an der Universität zu Köln hat etwa das Buch „Die Erfindung der Leistung“ veröffentlicht. Dort erzählt sie anschaulich die Geschichte dieser Idee, die unser aller Leben prägt und wie sich das Verständnis von Leistung gewandelt hat. Sie erklärte, dass wohlhabende Menschen oft von unsichtbarer Unterstützung profitieren, etwa durch Erbschaften, Netzwerke oder leichtere Zugänge zu Krediten und Versicherungen. Diese unsichtbaren Vorteile würden selten als „Leistung“ wahrgenommen. Gleichzeitig würden Menschen in Armut häufig als wenig leistungsfähig dargestellt, obwohl sie ihren Alltag mit deutlich weniger Unterstützung bewältigen müssen.
Ruth Sapelza von der Freien Universität Bozen zeigte sich von der Tagung nachhaltig beeindruckt: „Viele gängige Narrative über Armut und Reichtum halten einer genaueren Betrachtung nicht stand und wirken fast irrsinnig märchenhaft. Das Treffen hat gezeigt, wie stark unverdienter Reichtum durch die Leistungserzählung legitimiert wird. Wichtig ist, alle Beteiligten nicht nur in die Debatte, sondern auch in die Entwicklung von Lösungsansätzen einzubeziehen – auch in Südtirol.“
Auch Elisa Berger, Koordinatorin des Südtiroler Armutsnetzwerks, zog ein positives Fazit: „Besonders beeindruckt war ich von der aktiven und selbstverständlichen Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung. Zudem wurde auf der Tagung mehrfach deutlich, dass Leistung viel breiter verstanden werden muss: Care-Arbeit, Kindererziehung und ehrenamtliches Engagement sind zentrale Leistungen für unsere Gesellschaft.“
Für die Caritas Diözese Bozen-Brixen nahm Christoph Hofbeck teil. Er betonte: „Armutsbetroffene stehen oft unter einem doppelten gesellschaftlichen Leistungsdruck. Das führt zu Versagensängsten, Scham und psychischer Belastung. Ein Leben in Würde ist unter diesen Bedingungen kaum möglich. Umso mehr haben sie daher ein Recht auf vorurteilsfreie Unterstützung.“
Bei der Tagung ergab sich auch ein interessanter Austausch mit dem Armutsnetzwerk Kärnten, das auf die Bedeutung einer bereits durchgeführten Kärntner Armutsstudie hinwies. Solche Studien gelten als wichtiges Instrument, um Armut faktenbasiert sichtbar zu machen und politische Maßnahmen fundiert zu begleiten.
Die erstmalige Teilnahme an der österreichischen Armutskonferenz brachte dem Südtiroler Armutsnetzwerk wertvolle neue Impulse und stärkt den überregionalen Austausch über Grenzen hinweg zu den Themen Armut, Leistung und soziale Ungleichheit.
zurück



